Praxis für Krankengymnastik und Physiotherapie, Jörg Preuße, Lübeck

pinwand (teil 2)

Wozu das Gehirn fähig ist...
Optische Täuschungen

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Heinrich Böll
Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral

    In einem Hafen an einer westlichen Küste Europas liegt ein ärmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und döst. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat um das idyllische Bild zu fotografieren: blauer Himmel, grüne See mit friedlichen, schneeweißen Wellenkämmen, schwarzes Boot, rote Fischermütze. Klick. Noch einmal: klick, und da aller guten Dinge drei sind, und sicher sicher ist, ein drittes Mal: klick. Das spröde, fast feindselige Geräusch weckt den dösenden Fischer, der sich schläfrig aufrichtet, schläfrig nach seiner Zigarettenschachtel angelt, aber bevor er das Gesuchte gefunden, hat ihm der eifrige Tourist schon eine Schachtel vor die Nase gehalten, ihm die Zigarette nicht gerade in den Mund gesteckt, aber in die Hand gelegt, und ein viertes Klick, das des Feuerzeuges, schließt die eilfertige Höflichkeit ab. Durch jenes kaum meßbare, nie nachweisbare Zuviel an flinker Höflichkeit ist eine gereizte Verlegenheit entstanden, die der Tourist -der Landesprache mächtig- durch ein Gespräch zu überbrückenversucht.
    "Sie werden heute einen guten Fang machen."
    Kopfschütteln des Fischers. "Aber man hat mir gesagt, daß das Wetter günstig ist." Kopfnicken des Fischers.
    "Sie werden also nicht ausfahren?"
    Kopfschütteln des Fischers, steigende Nervosität des Touristen. Gewiß liegt ihm das Wohl des ärmlich gekleideten Menschen am Herzen, nagt an ihm die Trauer über die verpaßte Gelegenheit.
    "Oh! Sie fühlen sich nicht wohl?"
    Endlich geht der Fischer von der Zeichensprache zum gesprochenen Wort über.
    "Ich fühle mich großartig", sagt er. "Ich habe mich nie besser gefühlt."
    Er steht auf, reckt sich, als wolle demonstrieren, wie athletisch er gebaut ist. "Ich fühle mich phantastisch."
    Der Gesichtsausdruck des Touristen wird immer unglücklicher, er kann die Frage nicht mehr unterdrücken, die ihm sozusagen das Herz zu sprengen droht:
    "Aber warum fahren Sie denn nicht aus?"
    Die Antwort kommt prompt und knapp.
    "Weil ich heute morgen schon ausgefahren bin."
    "War der Fang gut?"
    "Er war so gut, daß ich nicht nochmal auszufahren brauche, ich habe vier Hummer in meinen Körben gehabt, fast zwei Dutzend Makrelen gefangen..."
    Der Fischer, endlich erwacht, taut jetzt auf und klopft dem Touristen beruhigend auf die Schultern. Dessen besorgter Gesichtsausdruck erscheint ihm als ein Ausdruck zwar unangebrachter, doch rührender Kümmernis.
    "Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug", sagt er, um des Fremden Seele zu erleichtern. "Rauchen Sie einen von meinen?" -
    "Ja, danke."
    Zigaretten werden in Münder gesteckt, ein fünftes Klick, der Fremde setzt sich kopfschüttelnd auf den Bootsrand, legt die Kamera aus der Hand, denn er braucht jetzt beide Hände, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen.
    "Ich will mich ja nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mischen", sagt er, "aber stellen Sie sich mal vor, Sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus, und Sie würden drei, vier, fünf, vielleicht sogar zehn Dutzend Makrelen fangen... stellen Sie sich das mal vor."
    Der Fischer nickt.
    "Sie würden", fährt der Tourist fort, "nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, an jedem Tag zwei-, drei-, vielleicht viermal ausfahren - wissen Sie, was geschehen würde?"
    Der Fischer schüttelt den Kopf.
    "Sie würden sich in spätestens einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren könnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten und dem Kutter würden Sie natürlich viel mehr fangen - eines Tages würden Sie zwei Kutter haben, Sie würden...", die Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Sprache, "Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und ihren Kuttern per Funk Anweisungen geben. Sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren - und dann...", wieder verschlägt die Begeisterung dem Fremden die Sprache. Kopfschüttelnd, im tiefsten Herzen betrübt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig, blickt er auf die friedlich hereinrollende Flut, in der die ungefangenen Fische munter springen. "Und dann", sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung die Sprache.
    Der Fischer klopft ihm auf den Rücken, wie einem Kind, das sich verschluckt hat. "Was dann?" fragt er leise.
    "Dann", sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, "dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen - und auf das herrliche Meer blicken."
    "Aber das tu ich ja schon jetzt", sagt der Fischer, "ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört."
    Tatsächlich zog der solcherlei belehrte Tourist nachdenklich von dannen, denn früher hatte er auch einmal geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr arbeiten zu müssen, und es blieb keine Spur von Mitleid mit dem ärmlich gekleideten Fischer in ihm zurück, nur ein wenig Neid.
Robert Gernhardt
SIEBENMAL MEIN KÖRPER

Mein Körper ist ein schutzlos Ding,
ein Glück, daß er mich hat.
Ich hülle ihn in Tuch und Garn
und mach ihn täglich satt.

Mein Körper hat es gut bei mir,
ich geb' ihm Brot und Wein.
Er kriegt von beidem nie genug,
und nachher muß er spein.

Mein Körper hält sich nicht an mich,
er tut, was ich nicht darf.
Ich wärme mich an Bild, Wort, Klang,
ihn machen Körper scharf.

Mein Körper macht nur, was er will,
macht Schmutz, Schweiß, Haar und Horn.
Ich wasche und beschneide ihn
von hinten und von vorn.

Mein Körper ist voll Unvernunft,
ist gierig, faul und geil.
Tagtäglich geht er mehr kaputt,
ich mach ihn wieder heil.

Mein Körper kennt nicht Maß noch Dank,
er tut mir manchmal weh.
Ich bring ihn trotzdem übern Berg
und fahr ihn an die See.

Mein Körper ist so unsozial.
Ich rede, er bleibt stumm.
Ich leb ein Leben lang für ihn.
Er bringt mich langsam um.
Robert Gernhardt
NOCH EINMAL: MEIN KÖRPER

Mein Körper rät mir:
Ruh dich aus!
Ich sage: Mach ich,
altes Haus!

Denk aber: Ach, der
sieht's ja nicht!
Und schreibe heimlich
dies Gedicht.

Da sagt mein Körper:
Na, na, na!
Mein guter Freund,
was tun wir da?

Ach, gar nichts! sag ich
aufgeschreckt,
und denk: Wie hat er
das entdeckt?

Die Frage scheint recht
schlicht zu sein,
doch ihre Schlichtheit
ist nur Schein.

Sie läßt mir seither
keine Ruh:
Wie weiß mein Körper
was ich tu?
Das wichtigste Ereignis der vergangenen Jahre war die Veränderung seiner Schlafstellung. Solange Eduard zurückdenken konnte, war er auf dem Bauch eingeschlafen. Wenn er seinen Science-fiction-Roman aus der Hand gelegt und das Licht ausgeknipst hatte, rollte er sich auf den Bauch, nahm die Decke zwischen die Beine und dämmerte mit erdwärts gewandtem Gesicht ein. Dabei hatte sich die Vorstellung bewährt, er schwebe mit seiner Matratze hoch über einem hügeligen Tal, unerreichbar vom Tageslärm. Mahnschreiben, Flugzeugabstürze, gelegentliche Impotenz, Einbrüche im Nachbarhaus, Kriegsnachrichten, Mieterhöhungen, Terrorakte - all den leidigen Tagesresten, denen Rückenschläfer hilflos ausgesetzt sind, drehte Eduard seine Kehrseite zu. Angenehm spürte er den Druck der Matratze gegen seine Bauch und ließ sich vom Aufwind hinauftragen, bis die Heuschober, die Ziegeldächer, die Zwiebelkirchtürme seiner Kindheit unsichtbar wurden. Sobald er die Alpenwand, die das Tal gegen die die Welt abschloß, überflogen hatte und jenseits der Berge sanft auf dem Boden aufsetzte, in einem unbekannten Land, schlief er ein.

Unmerklich war ihm die bewährte Schlafstellung unbequem geworden. Eduard konnte sich diese Änderung nicht erklären, hatte nur das deutliche Gefühl, daß sie einschneidend war. Er war überzeugt, daß Menschen mit ihrer Schlafstellung auch ihre sonstigen Gewohnheiten ändern, womöglich sogar ihre Ansichten.

Ein Mensch, der auf dem Rücken schläft, meist mit hängendem Unterkiefer, bietet einen trostlosen Anblick. Er wirkt unbeschützt, alles kann ihm zustoßen, selbst im Schlaf scheint er auf dem Sprung zu sein. Er erinnert an einen Verfolgten, der die Eingangstür des Cafés im Auge behält, ständig auf den Mann mit dem Maschinengewehr gefaßt. Rückenschläfer, das waren Leute, die Probleme hatten. Burt Lancaster in "The Killers" liegt in einem heruntergekommenen Hotelzimmer auf dem Rücken, während er auf seine Mörder wartet. Marilyn Monroe, die Eduard immer für eine Bauchschläferein gehalten hatte, wurde nach ihrem letzten Schlaf auf dem Rücken liegend gefunden. Präsidenten, Mafiabosse und Millionäre schlafen auf dem Rücken. Rückenschwimmer kurieren in aller Regel an einem Wirbelsäulenschaden herum. Toten liegen auf dem Rücken, im christlichen Abendland. DieAzteken legten ihre Opfer auf einen Felsblock, mit himmelwärts gereckter Brust, bevor sie ihnen das Herz herausschnitten. Was immer es bedeuten mochte, daß Eduard nur noch auf dem Rücken schlafen konnte, es bedeutete nichts Gutes.

(aus: Peter Schneider, Paarungen)


(aus: Robert Gernhardt, Über alles)
Das Fischen von lebenden Fischen mit der Angel wird von vielen Seiten als Grausamkeit empfunden; hauptsächlich vom Fisch selbst.
(Karl Valentin)

Die größten Kritiker der Elche
war'n früher meist selber welche.
(Robert Gernhardt)

Link-Tip: http://www.wurst.tv

Parkinson'sche Gesetze

1. Parkinson'sches Gesetz
Die bürokratische Verwaltung in Behörden und Unternehmen wächst mit einer mathematisch errechenbaren Zuwachsrate und zwar unabhängig davon, ob die Arbeit zunimmt, abnimmt oder ganz verschwindet.

2. Parkinson'sches Gesetz
Die Zuwachsrate der Staatsausgaben ist stets größer als die Einnahmen, da die Bürokratie aus innerer Notwendigkeit immer mehr unnötige Ausgaben tätigt.

C. Northcote Parkinson (1909-1993)
Historiker und Soziologe

Todesursache "Traumurlaub"
Leichtsinn bahnt Sensenmann den Weg


Todesfälle auf Reisen beruhen häufig auf Erkrankungen, die früher oder später zu Hause auch zum Tode geführt hätten. Die Hälfte der Ursachen sind kardiovaskulär, ein Fünftel andere innere Erkrankungen oder Krebs. Bei diesen Menschen erhöhen körperliche Anstrengungen oder Klimawechsel das Sterberisiko. Herzpatienten sollten überlegen, ob für sie eine Sightseeing-Tour in exotische Länder das Richtige ist oder ein Wanderurlaub im Inland besser wäre. Erstaunlicherweise spielen Infektionen mit Todesfolge (1%) eine geringe Rolle. Dagegen haben Suizide und Ermordungen (3%) einen hohen Anteil bei den Todesursachen. Psychiatrische Erkrankungen werden durch das Reisen oft verstärkt. Zitat: "Entweder macht Reisen verrückt, oder es reisen mehr Verrückte." - ein Fünftel sind tödliche Verkehrsunfälle.

Das Risiko von einem Krokodil gefressen oder einer Giftschlange gebissen zu werden, wird überschätzt. Giftschlangen gehen sparsam mit ihrer Waffe um. Sie sind sparsam und beißen nur in "äußerster Not". [Anmerkung von uns: In Indien kommen jedes Jahr mehr Menschen durch herabfallende Kokosnüsse ums Leben, als durch Schlangenbisse.] Der häufigste touristische Tierunfall ist mit dem vegetarisch lebenden Nilpferd möglich. Wenn Nilpferde Gefahr wittern, tauchen sie urplötzlich auf und beißen blitzschnell zu. Genauso gefährlich können Nilpferde werden, wenn sie in ihrer Nachtruhe am Land gestört werden.

"Verkehrs-Unfall" ganz anderer Art ist der ungeschützte Geschlechtsverkehr. Auf Reisen suchen 40% der Männer und 15% der Frauen neue Sexualkontakte. Die wenigsten benutzen dabei Kondome. Das kann lebensgefährlich werden. Der "Sündenfall" macht sich erst zu Hause und oft viel später bemerkbar.

Die statistische Unfallliste von Reisenden in Entwicklungsländer kommt zu folgenden Ergebnissen:
  • Von 100.000 Touristen gehen 60.000 ein Gesundheitsrisiko ein.
  • 10.000 benötigen während der Reise oder danach einen Arzt.
  • 2.000 sind nach der Rückkehr arbeitsunfähig.
  • 400 werden während der Reise in ein Krankenhaus eingewiesen,
  • 80 aus medizinischen Gründen zurückgeholt.
  • 10 Vorerkrankte sterben während der Reise.


  • Trotzdem: Bon voyage!

    A. Bischoff, Ärztliche Praxis 24/2002
    ...und Du denkst, Du hättest einen schlechten Tag bei der Arbeit??

    Obwohl dieses Foto aussieht, als wäre es aus einem Hollywood-Film, ist es tatsächlich ein reales Foto - aufgenommen vor Südafrika bei einer Übung der britischen Marine.

    Es wurde von GEO als "Foto des Jahres" nominiert.



    Wir sind einem Gerücht aufgesessen:
    mehr:  http://www.jgs-bonn.de/Schule/tauchen/Witze/Hai_wahrheit.htm
    (...aber das Foto ist trotzdem Klasse)

    Schmerzmittel
    Die verdeckte Sucht


    Die Deutschen, ob Kind, ob Greis, nehmen durchschnittlich jede Woche eine Schmerztablette ein - manche täglich bis zu zehn. Denn die meisten rezeptfreien Schmerzmittel sind so zusammengesetzt, daß sie zum Mißbrauch einladen. Vor allem Nierenschäden sind die Folge.

    Drei bis fünf Prozent der erwachsenen Bundesbürger sind süchtig. Viele wissen es nicht einmal. Allein tausend Tonnen reiner Wirkstoff werden hierzulande geschluckt. Von dem Suchtstoff wird man weder high, noch kann man in ihm den Alltag ertränken. Dennoch glauben die Abhängigen, ohne seine regelmäßige Einnahme mit ihren Problemen nicht fertig werden zu können. Die weithin unbekannte Sucht ist leicht zu stillen: In jeder Apotheke sind rezeptfreie Schmerzmittel zu bekommen, 120 Millionen Packungen gehen davon jährlich über den Ladentisch.
    Zu alarmierenden Ergebnissen kommt eine neue Studie der Essener Kinderklinik und der Gesamthochschule Wuppertal: Schon jedes fünfte Schulkind klagt über häufige Kopfschmerzen und schluckt regelmäßig Schmerztabletten. Untersucht wurden 5000 Wuppertaler Kinder im Alter zwischen acht und siebzehn Jahren. Fast jedes hat schon einmal Kopfschmerzen gehabt, fast sechs Prozent leiden täglich darunter, rund 15 Prozent wöchentlich.
    Mit zunehmendem Alter werden immer häufiger Tabletten geschluckt: Während von den Drittklässlern immerhin knapp 18 Prozent mit Medikamenten gegen den Schmerz vorgehen, sind es in der neunten Klasse schon 40 Prozent, die zumindest gelegentlich zur Pille greifen. Nach Auskunft des Essener Kinderarztes Dr. Raymund Pothmann liegt die Ursache eindeutig in einer "Überbeanspruchung der Kinder": Leistungsdruck in der Schule, aber auch "der volle Terminkalender in der Freizeit" würden schon den Jüngsten zu viel.
    Nicht geringer ist das Risiko, daß sich Erwachsene mit Schmerztabletten betäuben und in eine Medikamentenabhängigkeit geraten. Bis zu zwei Millionen Deutsche, so schätzt man, konsumieren regelmäßig Schmerzmittel. Im Schnitt wirft der Durchschnittsdeutsche 50 Tabletten im Jahr ein - und einige eben erheblich mehr. Die Folgen sind dramatisch.
    Denn nach Schweizer Untersuchungen sind ein Viertel der Fälle von Nierenversagen auf den langjährigen Gebrauch von Schmerzmitteln zurückzuführen. Die Schäden sind auch unter volkswirtschaftlichen Aspekten enorm: Wer seine Niere durch ein Dialysegerät ersetzen muß, kostet die Krankenversicherung ungefähr 100000 Mark im Jahr. In der Bundesrepublik schätzt man, daß 5000 der 30000 Menschen, die heute an Dialysegeräten hängen, sich ihre Niere durch Schmerzmittel-Mißbrauch ruiniert haben - mit rasch steigender Tendenz: Die Zahl der schweren Nierenschäden hat sich in den letzten Jahren verdoppelt, erheblichen Anteil an diesem Zuwachs haben die Schmerzmittel-Geschädigten.
    Besonders problematisch sind Kombinationspräparate, vor allem solche mit Coffein. Sie werden wegen ihrer belebenden Wirkung besonders oft mißbräuchlich angewandt: Der Patient schluckt die Kaffeepille als Wachmacher, die Werbung für solche Mittel stellt das oft entsprechend in den Vordergrund. So wird Thomapyrin als "belebendes Tagesanalgeticum" beworben, Coffeemed N erinnert schon vom Namen her eher an Kaffeeweißen als an ein Schmerzmedikament.
    Das paradoxe Ergebnis: Manch einer nimmt seine Kopfwehtabletten nach einiger Zeit nur noch gegen die Schmerzen ein, die das Medikament selbst erzeugt. "Bei über 70 Prozent der Patienten, die mit chronischen Kopfschmerzen in unsere Praxis kommen", sagt die Hamburger Schmerztherapeutin Dr. Eva Susanne Jungck, "sind diese auf langjährige Einnahme von Kombinations-Schmerzmedikamenten zurückzuführen." Allen Fachleuten sind solche Krankengeschichten bekannt: Meist handelt es sich um Frauen, die früher unter gelegentlichen Spannungskopfschmerzen oder Migräne gelitten haben. Mit der Zeit treten die Beschwerden häufiger auf, bis sie schließlich nicht mehr weggehen. "Der Weg zum Mißbrauch geht über rezeptfreie Mischschmerzmittel", sagt Frau Dr. Jungck. "Die Werbung verspricht schnelle und risikolose Befreiung von allen Schmerzen. Doch die Mittel bewirken nur eine kurzzeitige Linderung und führen, dauernd eingenommen, zu einer Häufung der Anfälle und zur Abhängigkeit. Coffein ist dabei die führende suchterzeugende Droge."
    Wir haben die 60 umsatzstärksten rezeptfreien Schmerzmittel auf ihre Zusammensetzung geprüft. Sie repräsentieren 97 Prozent des Markts an solchen Mitteln. Neun Medikamente allein beherrschen schon zwei Drittel des gesamten Umsatzes. Davon konnten wir nur vier empfehlen (Aspirin, ASS-ratiopharm, ben-u-ron, Paracetamol-ratiopharm), eins ist nur eingeschränkt empfehlenswert, weil es überflüssige Vitaminbeigaben enthält (Aspirin plus C), vier, darunter den Marktführer, mußten wir ganz abwerten (Thomapyrin, Togal, Spalt N, Vivimed). Alle von uns empfohlenen Monopräparate haben zusammen nur einen Marktanteil von 25 Prozent. Die Medikamente aus der schlechtesten Kategorie machen hingegen über 50 Prozent des Marktes aus.
    Wer seine Schmerzen nicht bloß mit der Tablette bekämpfen will, hat ein Problem mehr: "Alternativen werden zwar stark nachgefragt, sind aber schwer zu kriegen", sagt Dr. Thomas Flöter, Vorsitzender des Schmerztherapeutischen Kolloquiums und Schmerzarzt in Frankfurt. "Es wird viel darüber geredet, aber kaum ein Arzt bietet das an." Denn die Alternativmethoden sind zeitaufwendig und werden vergleichsweise mager vergütet. "Es ist ruinös, nur mit dem Patienten zu sprechen, Hintergründe zu erforschen und ihn zu beraten, ohne gleichzeitig irgendwelche blöden Apparate laufen zu lassen, die das Geld bringen", bekennt Flöter. Ein anderes Problem ist die fehlende Motivation der Patienten: Wer dazu neigt, sich eines Problems durch das Einwerfen von Pillen zu entledigen, ist am schwersten dazu zu bewegen, sein Verhalten zu ändern und aktiv etwas für sich zu tun. "Der Trend", bedauert Flöter, "geht eigentlich eher zum passiven Medikamentenkonsum." Dabei sind in den letzten Jahren einige nichtmedikamentöse Methoden entwickelt worden, die auch bei chronischen Schmerzen Erfolg versprechen.
    Wer dafür ein Hilfsmittel braucht, dem kann TENS helfen. Die Transkutane Elektrische Nerven-Stimulation wird mit viel Erfolg vor allem bei der Behandlung von Patienten eingesetzt, die unter Rücken- und Gliederschmerzen leiden, und ist völlig frei von Nebenwirkungen. Sie basiert auf einer Überlagerung des Schmerzreizes im Nerv durch leichte elektrische Reize, die sich wie ein sanftes Kribbeln anfühlen. So wird der Teufelskreis Schmerz-Verspannung-Schmerz durchbrochen. Die batteriebetriebenen Geräte sind nicht größer als ein Walkman, die Elektroden werden an der schmerzenden Stelle einfach auf die Haut geklebt - nicht einmal der Kollege im Büro merkt etwas davon. "Ich habe die halbe Chefetage des ZDF und jede Menge Programmierer bei IBM mit den Dingern ausgerüstet", berichtet Dr. Michael Ribbat vom DRK-Schmerzzentrum Mainz. "Aber eigentlich ist es traurig, daß zu solchen Apparaten gegriffen wird, anstatt mal nach den Ursachen zu fragen."
    Besser wäre es, den schmerzauslösenden Verspannungen durch Gymnastik und Muskelaufbau, ergonomisch günstigeres Arbeitsgerät und einen Abbau von Streß und verkrampfter Haltung zu begegnen. Die Lebensumstände zu ändern, die einem "Kopfzerbrechen" bereiten, ist nun mal die erfolgversprechendste, wenn auch schwierigste Therapie. Doch wer will schon gegenüber dem Chef zugeben, daß er sich überfordert fühlt, wer traut sich als schmerzgeplagter Haltungsgeschädigter ins Fitneßstudio? Einfacher zu realisieren sind da schon Übungen, die jeder für sich machen kann. Von Therapeuten wird dann meist zuerst das Autogene Training genannt. Aber wer kann sich in einer Streßsituation zugleich nach dem Motto "Mein rechter Arm wird schwer" aktiv entspannen? "Wer vor den Chef zitiert wird und merkt, jetzt kommen die Kopfschmerzen, dem ist mit dem Jacobson-Training besser gedient", meint Dr. Ribbat. Der Mainzer Kopfschmerzspezialist schwört auf diese Methode der "Progressiven Muskelentspannung", die bereits seit Anfang des Jahrhunderts praktiziert wird. Paradoxerweise werden hierfür einzelne Muskelgruppen gezielt noch mehr angespannt und danach gelockert. Dies führt zu einer besseren Durchblutung und damit Schmerzlinderung. Vor allem hilft das Jacobson-Training aber, beginnende körperliche Verspannungen besser wahrzunehmen und frühzeitig zu verhüten. Anfangs lernt man die Übungen mit Hilfe einer Tonkassette, später sollen sie in Fleisch und Blut übergehen, so daß man mehrmals am Tag seinen Übungszyklus abspulen kann.
    Weniger günstig ist hingegen die beliebte Massage: "Dadurch werden die Muskeln weichgeklopft, aber oft auch die der Verspannung zugrunde liegende Fehlhaltung verstärkt", hat Ribbat herausgefunden. "Einige Zeit nach der Massage ist die Muskulatur härter als zuvor." Statt dessen empfiehlt der Schmerzexperte sogenannte isometrische Übungen: "Wenn man drei-, viermal hintereinander Nacken, Schläfen und Stirn gegen die Handfläche preßt, kostet das nur eine Minute und ist oft schon sehr wirksam."
    Wichtig ist natürlich, zunächst der Ursache der Schmerzen nachzugehen. Zwar sind Kopfschmerzen aufgrund von Muskelverspannungen im Bereich der Halswirbelsäule oder im Gesicht mit Abstand am häufigsten. Nicht umsonst wird jemand als "halsstarrig" oder "verbissen" bezeichnet. Aber in etwa zwei Prozent der Fälle kann es sich auch um eine Migräne handeln, und die hat ganz entgegengesetzte Ursachen: Während Spannungskopfschmerz letztlich eine zu geringe Durchblutung zur Ursache hat, gelangt bei Migräne zu viel Blut ins Gehirn. Folge sind halbseitige Schmerzen, verbunden mit Übelkeit und Wahrnehmungsstörungen. "Mit den üblichen Schmerzmitteln kann man Migräne nicht wirksam bekämpfen", weiß Dr. Michael Ribbat.
    Manchmal geht man mit Kopfschmerzen am besten zum Zahnarzt: Nicht nur vereiterte Zahnwurzeln, auch Kieferfehlstellungen oder ein Überbiß verursachen häufig den gefürchteten Schmerz. Eine andere nichtmedikamentöse Behandlungsmethode ist das Biofeedback, mit dem man zum Beispiel an der Uni Tübingen experimentiert. Hier wird die Verspannung von Muskelpartien durch Töne oder Bilder sichtbar gemacht, der Patient lernt, unwillkürliche Verkrampfungen durch seinen Willen zu beeinflussen. Einen anderen Weg geht die Hamburger Psychologin Cora Besser-Siegmund. Sie versucht, in einer Art Selbsthypnose die Schmerzwahrnehmung zu beeinflussen, so daß an die Stelle des reißenden, pochenden "Weh" zarte Farben, Düfte oder Klänge treten. So soll der "Rückkopplungseffekt" durchbrochen werden, durch den sich der Schmerz durch Verkrampfung immer mehr verstärkt.
    Viele Verspannungen liegen auch im Gesicht: Gefühlsantworten zeigt man häufig mit den Muskeln des Mundes und der Wangen. Hat man sich etwa geärgert, sind oft noch lange nach dem Ereignis die Muskeln verspannt. Bald ist der ganze Kauapparat "verkniffen", und auch im Nackenbereich spannt es schon. Hier hält das DRK-Schmerzzentrum Mainz eine originelle Therapie bereit: Lächeln und Küssen - unter wissenschaftlicher Anleitung! Ganz im Ernst: "Schon die kleinsten Vorwärtsbewegungen der Lippen zum Kußmund bewirken eine Entspannung des gesamten Kieferbereichs", heißt es da. Na denn, los.

    Autor: Thomas Schmitz-Günther
    Quelle: ÖKO-TEST Januar 92

    Wenn der Künstler aus metaphysischen Sphären in die Bereiche der konkreten Ursachen und zu den Realitäten der Form herabsteigt, begegnet er auf halbem Weg den Wissenschaftlern, die auf der Suche nach Ursachen, die sie in ihren Formeln einzufangen gedenken, sich in die metaphysischen Sphären begeben.

    (Alexander Archipenko)

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