Namentlich dem französischen Osteopathen Jean-Pierre Barral ist es zu verdanken, daß wir die Bewegung der inneren Organe in der physiotherapeutischen und osteopathischen Behandlung berücksichtigen können. Mit seinen Forschungen und Theorien schuf er die Grundlagen der Viszeralen Manipulation als elementarem Bestandteil der Osteopathie.
GrundlagenMobilitätDurch ihre Anheftung durch Bänder und andere Bindegewebe an die Strukturen des Bewegungsapparates sind die inneren Organe direkt an der Bewegungsfähigkeit des Körpers beteiligt. Und wegen ihrer bindegewebigen Umhüllungen mit einer dazwischen befindlichen flüssigen Gleitschicht sind sie untereinander beweglich.Zwei Beispiele mögen dies verdeutlichen:
MotilitätZusätzlich zu den von außen wirkenden Bewegungsauslösern Atmung und Körperbewegung (MOBILITÄT) gibt es eine eigenständige Organbeweglichkeit, die MOTILITÄT genannt wird.Die Motilität ist eine rhythmische, nicht sichtbare Bewegung, die mit etwas Übung tastbar ist. Etwa siebenmal pro Minute "pendeln" die Organe um eine organspezifische Achse. Diese Bewegung ist ähnlich dem cranio-sacralen Rhythmus (siehe Cranio-Sacral-Therapie), aber unabhängig von diesem. Sie steht ebenso in keiner Abhängigkeit von Herzschlag oder Atemfrequenz. Nicht nur Barral (Lehrbuch der Viszeralen Osteopathie; München, Jena 2002) vertritt die These, daß es sich bei der Motilität um das Pendeln zwischen "der embryonalen Bewegung und der Rückkehr zur eigentlichen Position" handelt. Hinter dieser These steht die Beobachtung, daß die tastbare Bewegung der Motilität der Wanderung der Organe während der Embryonalphase des Menschen entspricht. AnatomieDie inneren Organe sind von einer "Haut" umgeben. Im Bereich der Lunge spricht man vom Rippenfell, bei Herzen vom Herzbeutel und bei den Baucheingeweiden vom Bauchfell.
PathologienAls Folgerung aus dem bisher Genannten bestehen also mehrere Möglichkeiten, wie die inneren Organe in ihrer Mobilität und Motilität gestört werden können.MobilitätsstörungenWenn ein Organ nur noch schlecht auf einem anderen gleiten kann, sprechen wir von einer Adhäsion, Verklebung oder Verwachsung. Ursache sind meist Infektionen oder Operationen, also Folgen einer natürlichen oder chirurgischen Wundheilung. Dadurch wird normales Bindegewebe durch nicht-elastisches Narbengewebe ersetzt. Wenn ein Halteband eines Organes seine Elastizität verliert, ist das Organ allein der Schwerkraft ausgesetzt. Als Folge davon kommt es zu einer Verlagerung des Organes nach unten. Wir sprechen von einer Organsenkung. Die Kontraktion der Eingeweidemusklatur dient dem Transport, dem Transport des Speisebreis durch den Verdauungskanal oder dem Transport von körpereigenen Stoffen, etwa der Gallen- oder Bauchspeicheldrüsenflüssigkeit in den Darmkanal. Wenn der Transport durch einen Muskel"krampf" gestört ist, kommt es zu einer Stauung. Je länger der Stau besteht, umso größer sind die Auswirkungen auf den Gesamtorganismus. MotilitätsstörungenWenn ein Organ seine Vitalität verliert, ist eine Veränderung der Motilität die Folge. Diese kann zum einen ein Warnzeichen für eine später folgende Erkrankung des Organes sein, zum anderen über Kompensationsmechanismen des Körpers zu Störungen an ganz anderer Stelle führen. (siehe auch Ganzheitliche Krankengymnastik)TherapieFür die Therapie von viszeralen Bewegungseinschränkungen stehen grundsätzlich drei Möglichkeiten zur Verfügung.
Während die Behandlung der Organmotilität mit geringen Kräften durchgeführt wird, kann die (strukturelle) Behandlung der Organmobilität sehr invasiv sein. Der Therapeut muß teilweise sehr tief ins Gewebe eindringen, um Kontakt zum Organ zu bekommen, das behandelt werden soll. Dabei wird jedoch sehr behutsam vorgegangen, um dem Patienten keine Schmerzen zu bereiten. Schmerzen würden zu einer muskulären Abwehrspannung führen, die den notwendigen direkten Kontakt zum Organ verhindern würde. Während des Befundes wird festgestellt, in welche Richtung sich das Gewebe am besten bewegen läßt. Meistens wird diese Richtung während der Behandlung unterstützt, damit sich das Gewebe entspannen kann. Aber auch "Dehn"-Techniken, die in die eingeschränkte Richtung arbeiten, werden in der Therapie verwendet. Nicht nur wegen der Ähnlichkeit von Motilität und cranio-sacralem Rhythmus bietet sich die Kombination der Viszeralen Manipulation mit der Cranio-Sacral-Therapie an. Wegen der strukturellen Verbindung von inneren Organen und Bewegungsapparat gilt gleiches für die Manuelle Therapie. (Diese Bereiche bilden auch die drei Säulen der Osteopathie, nämlich craniale, parietale und viszerale Osteopathie.) |